Donnerstag, 3. September 2015

Rumpelstilzen




Es war einmal ein Müller, der war sehr sehr arm, obwohl, so arm war er eigentlich gar nicht. Aber er wäre halt gern reicher gewesen also so richtig richtig reich. So gern hätte er in einem tollen Palast gewohnt, wäre in einer Kutsche mit goldenen Radkappen gefahren, hätte in einem Bett mit seidenem Laken geschlafen, so gern hätte er einmal eine Urlaubsreise in der Karibik gemacht…kurz und gut am liebsten wäre er gern Fürst oder Graf gewesen oder wenigsten ein Rockstar…nein halt, die hießen damals ja noch anders. Rockstars hießen damals noch Barden oder Minnesänger. Na jedenfalls, das wäre was für unseren Müller gewesen. Aber er war nun mal ein Müller.
Das fand er allerdings gar nicht so toll und darum überlegte er auch andauernd, was er tun könnte um reich zu werden. Eines Tages besuchte der junge König den Müller in seiner Mühle, denn er brauchte für ein großes Fest auf dem Schloß sehr viel Mehl, es waren nämlich viele Besucher eingeladen und seine Bäcker sollten eine ganze Wagenladung voll Streuselkuchen backen. Der König liebte Streuselkuchen und dafür braucht man halt sehr viel Mehl. Und weil der König sehr geizig war, ging er selbst das Mehl beim Müller kaufen. Er hoffte, wenn der Müller den König persönlich sah, würde er ihm das Mehl vielleicht billiger verkaufen.
Aber der Müller dachte gar nicht daran. Er dachte genau das Gegenteil: „Wenn schon der König persönlich kommt, dann kann ich mein Mehl endlich mal richtig teuer verkaufen, schließlich ist der König ja reich“. Und so ging das Gespräch hin und her und die beiden verhandelten stundenlang darüber, wieviel der König nun für das Mehl bezahlen sollte.
Auf einmal stand die Tochter des Müllers im Zimmer um zu schauen, wo ihr Vater wäre, denn sie hatte sich schon Sorgen gemacht, da sie ihn schon seit Stunden nicht gesehen hatte. Kaum, dass der König sie sah, wurde er rot bis über beide Ohren, denn die Müllerstochter gefiehl dem König sehr gut. Als sie das Zimmer wieder verlassen hatte sagte der König zum Müller: „Du hast aber eine hübsche Tochter“.
Der Müller dachte so bei sich: „Wenn dem König meine Tochter so gefällt, dann habe ich vielleicht auch was davon“ also sagte er zum König: „Das stimmt, sie ist wunderhübsch, aber nicht nur das, sie kann sozusagen Stroh zu Gold spinnen“ Damit wollte er eigentlich sagen, dass alles was seine Tochter anpackte gelang und ihre fleißige Arbeit ihm mehr Wert wäre als Gold.
Der König aber dachte, die Müllerstochter könnte wirklich Stroh zu Gold spinnen – als ob irgendjemand so was könnte. Der Müller sollte seine Tochter wieder hereinrufen, das tat er auch und der König sagte: „Meine Liebe, komm heute auf mein Schloß und spinn mir heute Nacht Stroh zu Gold, ich werde dir extra einen ganzen Raum mit Stroh füllen lassen. Ich bestehe darauf und ich werde dich großzügig belohnen.“
Dem Müller und seiner Tochter blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Und weil man einem König schließlich nicht wiederspricht, nickten beide nur schweigend.
Als der König gegangen war, sagte die Müllerstochter, die übrigens Gertrude hieß … ja, sie hieß wirklich Gertrude - damals hießen Mädchen oft so…jedenfalls sagte Gertrude zu Ihrem Vater: „Aber Papa, wie soll ich das denn machen, du weißt doch, dass ich ganz schlimm Heuschnupfen habe“ „Oh, daran hatte ich gar nicht gedacht aber ich bin sicher du schaffst das“.
Gertrude war sich da aber nicht so sicher wie ihr Vater, ihr klopfte ganz schön das Herz, wenn sie daran dachte, dass sie all das Stroh zu Gold spinnen sollten. Aber feige war Gertrude auch nicht und darum ging sie am Abend zum König auf das Schloß „Da bin ich“ sagte sie. Der König freute sich sehr die hübsche Gertrude wiederzusehen. Er erklärte ihr, sie könnte gleich anfangen das Stroh zu Gold zu spinnen und führte sie in einen Raum, der bis unter die Decke mit Stoh gefüllt war. Es war gerade noch genug Platz für einen Hocker zum sitzen und ein Spinnrad und eine kleine Maus, die mit einem leisen Piepsen im Stroh verschwand. Als Gertrude den Raum betrat musste sie gleich heftig niesen. „Hast du dich etwa erkältet“, fragte der König besorgt. „Nein, das ist nur mein Heuschnupfen“ antwortete sie.
„Oh, das kenn ich“ sagte der König „ich habe eine ganz schlimme Hausstauballergie, darum lass ich das ganze Schloß dreimal am Tag gründlich fegen“
„Wirklich?“ fragte Gertrude und schaute dem König dabei tief in die Augen „Ich fege unsere Mühle auch dreimal täglich“ „Und ich habe mich schon gewundert, warum ich in eurer Mühle gar nicht niesen musste“ lachte der König. In diesem Moment merkten beide, wie ähnlich sie sich doch waren und dass sie einander wirklich gern mochten.
Der König wurde ein bißchen verlegen und sagte deswegen: „Ich muss jetzt leider weg noch ein bißchen…ähhh…regieren. Aber ich laß dir noch einen leckeren Kramselblütentee machen, der hilft bestimmt gegen deinen Heuschnupfen.“ Damit drehte er sich schnell um und ging im Fackelschein des Schlosses davon, denn er wollte nicht, dass Gertrude mitbekommt, dass er schon wieder ein bißchen rot wurde.
Kurz darauf brachte ein königlicher Diener in würdevoller Haltung den Kramselblütentee und verschloß dann die Tür, damit Gertrude in Ruhe das Stroh zu Gold spinnen konnte. Mit einem lauten „Klack“ fiel die schwere Tür ins Schloß und Gertrude merkte plötzlich, wie allein sie war. Ihr wurde klar, dass sie ja gar kein Stroh zu Gold spinnen konnte und dann fing sie auch wieder an zu Niesen. Schnell trank sie einen Schluck von dem Tee, der sehr lecker war und auch wirklich half. – Tja im Mittelalter kannten sich die Leute noch gut aus mit Tees und Kräutern.
Aber da war ja immernoch das Problem mit all dem Stroh, wie sollte sie es eigentlich zu Gold spinnen? „Och nööö, das schaff ich doch nie“ seufzte sie.
In diesem Moment erschien, wie aus dem Nichts ein kleines Männchen und fragte: „Na sitzt du in der Patsche“?  „Naja, irgenwie schon“ antwortete sie. „Ich soll das ganze Stroh zu Gold spinnen – als ob irgendjemand sowas könnte“.
„Ich könnt’s ja mal versuchen, was würdest du mir denn dafür geben“ fragte das Männchen verschmitzt und musste dann heftig niesen. „Hast du dich erkältet“ fragte Gertrude. „Nein, das ist mein Heuschnupfen, der ist ganz furchtbar in dieser Jahreszeit“. „Da hab ich was, das hilft wirklich gut“ antwortete Gertrude. Sie gab dem Männchen den restlichen Kramselblütentee. Der schmeckte dem Männchen sehr gut und half auch, es musste nicht mehr niesen. „Als Dank für den Tee werde ich dir das ganze Stroh zu Gold spinnen“ sagte das Männchen. Und schwupp machte es sich an die Arbeit und spann das Stroh zu Gold: „Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal an der Schnur gezogen und aus Stroh wird Gold“ sang das Männchen vor sich hin und spann das ganze Stroh zu Gold. Das dauerte natürlich seine Zeit, schließlich war ja der ganze Raum voller Stroh. Der Gesang und das leise Sirren des Spinnrads machte Gertrude müde und sie schlief ein.
Als sie am nächsten Morgen an die kleine Maus gekuschelt aufwachte, war das Männchen verschwunden, der Tee ausgetrunken und alles Stroh zu Gold gesponnen.
Als der König hereinkam, war er total verblüfft und sagte: „Unglaublich, du hast tatsächlich das ganze Stroh zu Gold gesponnen und dabei dachte ich gestern noch: „Sie will Stroh zu Gold spinnen – als ob irgendjemand so was könnte“.
Gertrude wollte gerade sagen, wie es wirklich war, da platzte der erste Minister herein und wollte den König in einer dringenden Regierungsangelegenheit sprechen. Mal wieder musste der König weg und diesmal musste er wirklich regieren. Noch im gehen fragte er: „Machst du das heute Nacht nochmal, ich lass dir auch wieder leckeren Kramselblütentee bringen?“ Dabei lächelte er so freundlich, dass Gertrude gar nicht anders konnte als zu nicken.
Am Abend passierte genau das gleiche wie am Tag davor, der königliche Diener mit würdiger Haltung brachte den Tee und verschloß die Tür. Und Gertrude saß wieder verzweifelt in einem mit Stroh gefüllten Raum, neben ihr auf dem Stuhl saß die kleine Maus und beide wussten nicht, wie sie all das Stroh zu Gold spinnen sollten. Da erschien wieder das Männchen und sagte: „Gibst du mir bitte wieder etwas von dem Tee, dann spinne ich dir wieder all das Stoh zu Gold“. Gertrude war einverstanden und überglücklich. Am nächsten Morgen war wieder all das Stroh zu Gold gesponnen.
Der König war außer sich vor Freude „Das ist ja großartig, wenn du das heute abend noch einmal machen könntest, dann kann ich endlich alle Schulden des Königreiches bezahlen.“ Der König war also gar nicht wirklich geizig sondern er musste sparsam sein, damit er die Schulden des Königreiches bezahlen konnte. Dann versprach er noch: „Wenn morgen wieder alles Stroh zu Gold gesponnen ist, dann werde ich dich heiraten.“
Gertrude stahlte nur so vor Glück, sie war sich sicher, auch in dieser Nacht wird das Männchen wieder kommen, den Tee trinken und all das Stroh zu Gold spinnen und sie würde Ihren König heiraten. Aber es sollte doch ein bißchen anders kommen.
Am Abend war der König vor lauter Verliebtheit so aufgeregt, dass er ganz vergaß Gertrude den Kramselblütentee bringen zu lassen. Als also an diesem Abend die Tür mit eine lauten „Klack“ ins Schloß fiel, wusste Gertrude gar nicht, was sie tun sollte, wenn das Männchen kommen würde. Sie schluchzte wie ein Schloßhund und die kleine Maus neben ihr auf dem Hocker tat das gleiche. In dem Moment erschien das Männchen auch und fragte: „Und wie sieht es aus, soll ich heute wieder alles Stroh zu Gold spinnen? Bekomme ich wieder den leckeren Kramselblütentee von dir?
Gertrude konnte gar nicht aufhören zu weinen und musste dem kleinen Männchen sagen, dass Sie heute gar keinen Kramselblütentee hatte und nie Königin werden würde, wenn nicht all das Stroh morgen zu Gold gesponnen sein würde.
„Tja, was machen wir denn dann“, fragte dass Männchen „kannst du mir denn irgendwas anderes für meine Arbeit anbieten?“ „Wenn ich als Königin ein Kind bekomme, dann kannst du es haben.“ antwortete Gertrude.
„Was soll ich denn mit einem Kind“ fragte das Männchen „sehe ich vielleicht aus wie ein Kindergärtner? Versprich mir lieber alle Kramselblütenteevorräte des Königreichs, wenn du Königin geworden bist, dann will ich alles Stroh zu Gold spinnen.“ Gertrude war einverstanden und das Männchen spann wieder alles Stroh zu Gold.
Am nächsten Morgen war alles so, wie Gertrude es sich erträumt hatte, der König konnte alle Schulden des Königreiches bezahlen und fragte Gertrude ob sie ihn heiraten wollte. Natürlich wollte sie.
„Aber ich muss dir vorher noch etwas erzählen“ vertraute sie dem König an. Und dann erzählte sie ihm wie das war mit dem Stroh, dem Gold und dem Männchen. Und auch, dass sie dem Männchen alle Kramselblütenteevorräte des Königreiches versprochen hatte. „Aber du kannst ihm doch nicht alle Kramselblütenteevorräte des Königreiches versprechen“ sagte der König überrascht „so viele Leute leiden unter Heuschnupfen und ohne den Tee müssen sie die ganze Zeit niesen“. Daran hatte Gertrude nicht gedacht und was ziemlich betrübt. Da erschien das Männchen und fragte nach dem Kramselblütentee. Der König und Gertrude erklärten dem Männchen, dass sie ihm unmöglich alle Vorräte an Kramselblütentee geben könnten, da die Leute im Königreich ja auch welchen trinken wollten und sonst immer niesen müssten. Dafür hatte das Männchen Verständnis und sagte: „Also gut, ich verzichte auf den Tee, wenn ihr innerhalb von 3 Tagen meinen Namen erratet“.
Gertrude und der König waren einverstanden und sogleich wurden Boten in das ganze Königreich ausgesandt um alle Namen in ein Buch zu schreiben, die sie nur zu hören bekamen.
Und das waren sehr viele: Heinrich, Waldemar, Kunibert, Otto, Jason, Ludwig, Bruno, Hans, Max und und und.
Aber keiner der Namen war der Richtige selbst als der dritte Tag zu Ende ging, hatten sie den Namen noch nicht erraten. In dem Moment trat der königliche Diener mit der würdevollen Haltung ein um Kramselblütentee zu servieren.
Als er das Männchen sah, sagte er: „Oh, ich glaube wir sind einander noch gar nicht vorgestellt worden, also ich heiße Willibald und wie ist ihr werter Name?“
„Ich bin das Rumpelstilzen.“ sagte das kleine Männchen einfach so und lachte. „Endlich fragt mich mal jemand nach meinem Namen. Statt Boten durch das ganze Königreich zu schicken, hättet ihr mich ja auch gleich fragen können.“
Da mussten alle im Saal des Schlosses lachen. Das Männchen war zufrieden und der König und Gertrude waren es auch. Endlich konnte der König Gertrude nochmal einen richtigen Heiratsantrag machen. Und natürlich hat sie wieder „Ja“ gesagt.
„Wie heißt du eigentlich?“ fragte Sie den König. „Fridolin“ sagte der König – ja Fridolin, damals hießen Könige noch so. Ein schöner Name fand Gertrude.
Und so feierten Gertrude, Fridolin, das Rumpelstilzen, Willibald und alle Leute des Königreiches ein rauschendes Fest. Es gab Streuselkuchen und Kramselblütentee. Und für die kleine Maus einen großen Käse.
Und wenn Sie nicht gestorben sind, trinken sie noch heute Kramselblütentee.

Und die Moral von der Geschichte, an andere stets viel Fragen richte.