Donnerstag, 9. Juli 2015

Rotkäppchen entschärft




Es war einmal vor langer langer…also wirklich langer Zeit…das war so lange her, dass eure Oma und euer Opa noch gar nicht geboren waren – so lange war das her. In dieser Zeit trugen manche Männer Anzüge aus Blech, die nannte man dann Ritter…ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie die beim Laufen gequietscht haben. In dieser Zeit konnten Tiere noch sprechen und auch sonst geschah allerlei Merkwürdiges.

In dieser Zeit lebte ein kleines Mädchen, alle nannten es Rotkäppchen, vielleicht denkt ihr  jetzt, das ist aber ein komischer Name - stimmt. Eigentlich hieß Rotkäppchen auch Hanna, aber weil seine Oma es so sehr lieb hatte, hat die Oma dem Rotkäppchen einmal eine schöne Rote Kappe geschenkt – eine Kappe, das war damals so etwas ähnliches, was heute ein Base Kap ist. Na jedenfalls fand Hanna… diese Kappe so was von toll, dass sie sie immer aufhatte und darum wurde Hanna auch von allen immer nur Rotkäppchen genannt.

Eines Tages sagte Rotkäppchens Mama zu ihr: „Rotkäppchen sei doch so lieb und bring den Korb hier bitte zur Oma Elfriede“ In dem Korb war ein großer Kuchen, eine Flasche Wein und die Fernsehzeitung – ach ne halt, die gab’s damals ja noch gar nicht… aber ein paar andere Sachen die Omas eben sonst noch so brauchen.

Rotkäppchen freute sich total, denn es hatte die Oma echt lieb. Wenn Rotkäppchen an Oma Elfriede dachte, dann stieg ihr gleich der Duft von Zimt in die Nase, denn immer wenn Rotkäppchen die Oma besuchte, backte die super leckere Zimtplätzchen.

Darum antwortete Rotkäppchen auch gleich: „Suuupiiie, da mach ich mich sofort auf den Weg“ und Schwupp war es schon fast zur Tür raus, als die Mama es gerade noch so am Rockzipfel zu fassen bekam und fragte: „Und worauf willst du achten?“ , „Ja Mama nicht vom Weg abkommen, nicht verlaufen, nicht trödeln – aber Mama ich geh den Weg doch nicht zu ersten Mal“ antwortete Rotkäppchen. „Na gut dann lauf schon und grüß die Oma von mir“

Tja, damals gab’s noch keine Handys darum war es wichtig, das die Mama das Rotkäppchen noch schnell an alles Wichtige erinnerte und die Grüße für die Oma mit gab.

"Jaaa" rief Rotkäppchen und schon sauste es über die bunte Blumenwiese vor dem Haus als hätte es Räder unter den Füßen. Es duftete nach Gras und Frühling, Bienen summten durch die Luft und es war schon richtig warm.

So dauerte es auch gar nicht lang, da erreichte Rotkäppchen schon den Rand des Waldes, in dem die Oma Elfriede wohnte und tatsächlich hielt es sich daran und blieb auf dem Weg. Angst hatte Rotkäppchen keine, obwohl es in dem Wald gefährliche Tiere gab – Bären, Wölfe und sogar Eichhörnchen – ach halt, Eichhörnchen sind ja gar nicht gefährlich. Jedenfalls war Rotkäppchen ziemlich mutig.

Plötzlich, auf einer Lichtung stand ein großer grauer Wolf vor Rotkäppchen. Der Duft vom Kuchen in Rotkäppchens Korb hatte ihn angelockt. Die Pfoten schon nach dem Kuchen ausstreckend sagte er: „Mmmhhh…der duftet aber fein, für wen ist der denn?“ … Pfoten weg, der ist nicht für dich, der ist für Oma Elfriede antwortet Rotkäppchen energisch und schlug dem Wolf dabei leicht auf die ausgestreckten Pfoten.

„Aaaauuuhh…du bist aber gemein, ich bin am Verhungern und du willst mir gar nichts abgeben?“ heulte der Wolf auf.

„Aber der ist doch für die Oma“

„Na gut…ich will mal nicht so sein“ sagte der Wolf  „ich will dir sogar verraten, wo du für die Oma einen schönen Blumenstrauß pflücken kannst … da drüben hinter dem Farn auf der Wiese. Kannst du die sehen?

Rotkäppchen konnte die Wiese sehen, nur irgendwie klangen die Worte des Wolfs hinterlistig. Aber weil es sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was am Blumenpflücken so gefährlich sein sollte, bedankte es sich höflich und eilte zur Wiese um wie sie sie sagte, für Oma Elfriede den schönsten Blumenstrauß der Welt zu pflücken.

Während sie den schönsten Blumenstrauß der Welt pflückte, machte sich der große, graue und im Übrigen auch sehr, sehr hungrige Wolf auf zur Oma Elfriede. Als er am Haus der Oma ankam roch es verführerisch nach Zimt. Der Wolf konnte sie durch das Fenster sehen, wie sie am Ofen stand und Zimtplätzchen backte.

Vom Hunger schwach und vom Duft ganz benommen, wurde dem Wolf schwindelig, so dass er durch Wäsche von Oma Elfriede taumelte, die sie gerade frisch auf die Leine gehangen hatte. Als er sich wieder von der Leine befreit hatte, hatte er, ohne es zu merken, Omas Nachthemd an und ihre Schlafhaube auf…das sah vielleicht lustig aus. Die Spatzen, die auf dem Dach saßen, bogen sich vor Lachen. Aber davon bekam der Wolf nichts mit, denn er hatte einen riesigen Topf voll Grießpudding entdeckt, den Oma Elfriede zum Abkühlen auf die Fensterbank gestellt hatte. So hungrig wie er war stürzte er sich darauf und fraß den ganzen Topf leer. Danach wurde er so müde, dass er unter dem Fenster ganz fest einschlief.

Zur gleichen Zeit machte sich Rotkäppchen mit ihrem Korb voll Wein, Kuchen, den Sachen, die Omas eben sonst noch so brauchen und dem wohl schönsten Blumenstrauß der Welt auf den Weg zum Haus ihrer Oma. Kurz bevor es dort ankam traf es den Jäger Parzival. „Zur Oma Elfriede gehst du? -  Darf ich dich begleiten“ fragte er, denn Parzival wusste ganz genau, das die Oma Elfriede immer sooooo leckere Zimtplätzchen backt und vielleicht….

„Na klar kannst du mitkommen Parzival“ antwortete das Rotkäppchen „ich weiß doch wie sehr du Omas Zimtplätzchen liebst. Parzival wurde rot, denn Rotkäppchen hatte ihn ertappt. Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, sie waren am Haus von Rotkäppchens Oma angekommen und dort unter dem Fenster lag der Wolf und er hatte das Nachthemd der Großmutter an und auch ihre Schlafhaube auf, das sah zum Schießen aus.

„Na der ist ja dreist“ sagte Rotkäppchen entrüstet „als ob ich einen Wolf für die Oma halten würde, nur weil er ihre Sachen anhat. Wolf bleibt Wolf und wer das nicht erkennt, muss schon Tomaten auf den Augen haben. Ich bin zwar klein aber nicht dumm.

Plötzlich kam Parzival und Rotkäppchen fast gleichzeitig ein furchtbarer Verdacht, der Wolf hatte bestimmt die Oma gefressen…in wildem Eifer legte Parzival das Gewehr an und wollte den Wolf erschießen.

In dem Augenblick hörte Rotkäppchen Oma Elfriede beim Backen ein lustiges Liedchen trällern. Trollooooolllooolllloo…es konnte dem verdutzen Parzival gerade noch das Gewehr hochreißen. „Booom“ – was für ein Knall, die Spatzen flogen entsetzt vom Hausdach auf und schimpften, die Großmutter kam aus dem Haus gerannt und rief ganz aufgeregt  „Was ist hier den los, warum macht ihr so einen Radau?“

Der Wolf, gerade unsanft aus seinen Träumen gerissen, blinzelte verschlafen. Als er das Gewehr sah, riss er die Vorderpfoten hoch und stammelte: „Aaaaber ich hab den Grießpudding doch nur gefressen, weil ich so unglaublich hungrig war“

Die Großmutter musste herzhaft lachen, als sie den Wolf, den sie jetzt erst entdeckte, in ihrem Nachthemd und ihrer Schlafhaube sah, wie er da so saß und die Vorderpfoten in die Luft streckte.

Rotkäppchen und Parzival stimmten mit in ihr Lachen ein und jetzt musste auch der Wolf lachen, der die Vorderpfoten langsam wieder sinken ließ.

„Und wir dachten, du hättest die Oma gefressen“ sagte Rotkäppchen.

„Die Oma – gefressen – ich?“ fragte der Wolf ganz entgeistert. „Aber ich bin doch Vegetarier“.

Daraufhin lachten alle noch mehr, jetzt sogar die Spatzen, die es sich mittlerweile wieder auf dem Dach gemütlich gemacht hatten.

Als sich alle wieder beruhigt hatten, lud Oma Elfriede sie ein, auf der Bank vor dem Haus Platz zu nehmen. Dann gab es lecker Zimtplätzchen mit Kakao, nur der Wolf hatte nicht wirklich Hunger, er war noch zu satt vom Grießpudding, der im Übrigen wirklich lecker war, wie er Oma Elfriede versicherte.

Rotkäppchen übergab der Oma den Korb mit Kuchen, Wein und den Sachen die Omas eben sonst noch so brauchen. Außerdem gab es der Oma den Blumenstrauß mit den Worten „der ist von mir und vom Wolf, der hat mir nämlich gesagt, wo ich so schöne Blumen finden kann“

„Der ist aber schön „ bedankte sich die Oma, „das muss der wohl schönste Blumenstrauß der Welt sein“

Und wenn sie nicht gestorben sind essen sie immer noch Zimtplätzchen und trinken Kakao.

Und die Moral von der Geschicht – trau Vorurteilen besser nicht.

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